Wie plane ich eine gute Unterrichtsreihe – statt Stunden aneinanderzureihen?

„Ich brauche noch eine Stunde für Mittwoch.“
Diesen Satz höre ich von Referendarinnen und Referendaren, aber auch jungen Kollegen, erstaunlich regelmäßig. Das Problem: Gute Unterrichtsstunden entstehen selten isoliert. Sie sind Teil einer Lernreise.

Eine Unterrichtsreihe ist deshalb kein Sammelalbum guter Methoden, sondern ein durchdachter Lernprozess.

1. Starte nicht mit der ersten Stunde – sondern mit dem Ziel

Plane also vom Kompetenzziel aus – nicht vom Inhalt. Die wichtigste Frage lautet nicht: „Was mache ich in Stunde 1?“

Sondern:

Was sollen die Schülerinnen und Schüler am Ende der Reihe biologisch erklären, beurteilen oder anwenden können?

Orientiere dich dabei an den Kompetenzen des Bildungsplans und formuliere ein sichtbares Endziel.

Beispiel: Genetik (Klasse 10)

Ein wenig hilfreiches Reihenziel wäre: Die Schülerinnen und Schüler kennen den Aufbau der DNA.

Ein kompetenzorientiertes Reihenziel lautet dagegen:

Die Schülerinnen und Schüler erklären, wie genetische Information gespeichert, weitergegeben und verändert wird und beurteilen die Bedeutung genetischer Erkenntnisse für medizinische Fragestellungen.

Erst wenn das Ziel klar ist, ergibt die Planung der einzelnen Stunden Sinn. Gute Unterrichtsplanung denkt deshalb vom Ende her („Backward Design“). Gleichzeitig bilden Lehrplan, schulinterne Curricula und die Lerngruppe den verbindlichen Rahmen der Planung.

Aus diesem Ziel ergeben sich fast automatisch die notwendigen Lernschritte:

  • DNA als Informationsträger verstehen
  • Zusammenhang zwischen Genen und Merkmalen erklären
  • Mitose und Meiose als Formen der Informationsweitergabe unterscheiden
  • Mutation als Ursache genetischer Variation erklären
  • genetische Diagnostik oder Gentherapie bewerten

Die einzelnen Unterrichtsstunden dienen also immer einem gemeinsamen Kompetenzaufbau.

Aber Achtung: Wie viel Flexibilität lassen Ihre sorgfältig geplanten „Lernschritte“ noch zu? Was passiert, wenn Stunde 3 scheitert, fällt dann die Reihe in sich zusammen?

 

2. Denke in Lernschritten – nicht in Unterrichtsstunden

Viele Referendarinnen und Referendare planen so:

Stunde 1 → Lehrbuch Seite 45
Stunde 2 → Lehrbuch Seite 46
Stunde 3 → Arbeitsblatt

Eine Unterrichtsreihe ist aber meist keine Aneinanderreihung von Lehrbuchkapiteln.

Erfolgreicher ist folgende Frage: Welche Denkentwicklung sollen die Lernenden durchlaufen? bzw. Welche biologischen Erkenntnisschritte müssen die Lernenden nacheinander gehen?

Ein mögliches Beispiel aus der Ökologie Klasse 9 zum Thema Ökosystem Wald:

  1. Problem entdecken, Leitfrage formulieren: Warum verschwinden bestimmte Arten?
  2. Zusammenhänge untersuchen
    1. Artenvielfalt im Wald beschreiben, Beziehungen zwischen Organismen als Nahrungsnetze, Stoffkreisläufe sowie deren Wechselwirkungen erkennen und beschreiben
    2. Die Stabilität von Ökosystemen anhand konkreter Beispiele beurteilen
    3. Auswirkungen menschlicher Eingriffe untersuchen.
  3. Anwenden: Folgen menschlicher Eingriffe beurteilen

Jede Stunde beantwortet dabei einen Teil der übergeordneten Leitfrage, so entsteht für die Schülerinnen und Schüler ein roter Faden statt einer Aneinanderreihung einzelner Stunden. Die Schülerinnen und Schüler erleben die Reihe dadurch als zusammenhängenden Erkenntnisprozess und darüber hinaus lernen Menschen leichter, wenn Inhalte miteinander verbunden sind.

 

3. Plane vom Groben zum Feinen

Eine einfache Reihenplanung passt oft auf eine DIN-A4-Seite.

Notiere für jede Stunde nur vier Dinge:

  • Leitfrage
  • Kompetenzziel
  • zentrale Lernaktivität
  • Ergebnissicherung

Erst danach folgt die detaillierte Stundenplanung.

Viele Berufsanfänger investieren viel Zeit in perfekt ausgearbeitete Einzelstunden, bevor überhaupt klar ist, wohin die gesamte Reihe führen soll. Das kostet Zeit – und führt häufig zu Brüchen innerhalb der Reihe oder im schlimmsten Fall zu aufwendig geplanten Stunden, die dann doch nicht in die Reihe passen und wieder verworfen werden.

 

4. Jede Stunde braucht eine Funktion

Frage dich bei jeder Stunde: Warum existiert diese Stunde überhaupt? Jede Unterrichtsstunde sollte genau eine zentrale biologische Erkenntnis hervorbringen.

Typische Funktionen sind:

  • Einstieg und Problematisierung
  • Erarbeitung neuer Konzepte
  • Vertiefung und Vernetzung
  • Anwendung auf neue Kontexte
  • Diagnose oder Leistungsüberprüfung

Aber Achtung: Es gibt Stunden, die haben keine kognitive Erkenntnisfunktion, aber eine soziale oder emotionale Funktion. Die Stunde, in der Sie einfach nur ein Spiel wiederholen, weil die Klasse nach einer schlechten Arbeit Frust schiebt. Die Stunde, in der Sie bewusst langsam machen, weil ein Kind in der Klasse einen Trauerfall hatte. Jede Stunde braucht eine Funktion – aber nicht jede Funktion muss im Reihenkompetenzziel stehen. Aber wenn eine Stunde keine erkennbare Funktion erfüllt, kann sie meist gekürzt oder gestrichen werden.

 

5. Weniger Methoden – mehr Lernwirksamkeit

Gruppenpuzzle, Stationenlernen, Escape Room oder digitale Tools sind keine Qualitätsmerkmale. Die Frage, die man sich bei der Planung immer stellen muss, sollte lauten:

Hilft diese Methode den Schülerinnen und Schülern, das Lernziel zu erreichen?

Im Regelfall sind Methoden Werkzeuge – nicht das Ziel. Daher ist immer zu entscheiden, welche Methode den Erkenntnisprozess der Stunde am Besten unterstützt – Experiment, Modell, Mikroskopie, Gruppenarbeit oder Simulation. Die Methode folgt also im Normalfall der Fragestellung und nicht umgekehrt.

Aber Achtung: Reduktion darf nicht zur Ausrede für Einfallslosigkeit werden!

Aber Achtung: Wenn ich immer zuerst die Leitfrage habe und dann die Methode wähle, verpasse ich vielleicht den Moment, in dem ein echtes Präparat oder ein lebendiger Regenwurm die Frage erst erzeugt. Planen Sie ruhig mal von der Methode (z.B. einem tollen Experiment) zurück zum Ziel – das nennt man dann situierten Unterricht (1), und der ist manchmal lernwirksamer als jede stringent von oben herab geplante Reihe.

 

6. Plane die Sicherung bzw. den Hefteintrag gleich mit

Viele Reihen verlieren ihre Qualität nicht während der Erarbeitung, sondern am Stundenende. Siehe hierzu auch meinen Beitrag: gelungene Sicherung – Was bleibt im Kopf, wenn das Heft zu ist?

Frage deshalb bereits bei der Planung: Welches biologische Modell oder welche Erkenntnis nehmen die Schülerinnen und Schüler aus der Stunde mit?

Im Biologieunterricht bieten sich unterschiedliche Formen der Ergebnissicherung im Heft an:

  • beschriftete Strukturmodelle
  • Ursache-Wirkungs-Diagramme
  • Flussdiagramme biologischer Prozesse
  • Concept Maps
  • Vergleichstabellen
  • gemeinsam entwickelte Erklärmodelle

Beispielsweise endet eine Stunde zur Fotosynthese nicht mit einem ausgefüllten Arbeitsblatt, sondern mit einer begründeten Antwort auf die Leitfrage: „Warum ist Licht zwar notwendig, allein aber nicht ausreichend für Fotosynthese?“ Erst wenn die Lernenden diese Erklärung selbst formulieren können, ist das Lernziel erreicht.

Die Sicherung am Ende der Stunden ist dann auch immer der Punkt, um zu prüfen, ob die Lernenden das angestrebte Verständnis tatsächlich entwickeln. Wenn ja, super. Wenn nicht, dann muss überlegt werden, welche Konsequenzen ich aus den Ergebnissen ziehe. Wie müssen die Folgestunden umgestaltet werden oder wie muss für den nächsten Durchgang die Reihe oder die Methode angepasst werden.

 

7. Plane immer mit der Lerngruppe

Die schönste Reihenplanung scheitert, wenn sie nicht zur Klasse passt.

Berücksichtige deshalb:

  • Vorwissen
  • typische Fehlvorstellungen
  • Leistungsheterogenität
  • Sprachbildung
  • Differenzierung

Gerade im Biologieunterricht lohnt es sich, typische Schülervorstellungen bewusst einzuplanen. Fehlkonzepte sind oft der Ausgangspunkt nachhaltigen Lernens.

 

Meine Faustregel für Referendarinnen und Referendare

Wenn ich eine Reihenplanung anschaue, suche ich zuerst nicht nach Methoden.

Ich suche nach Antworten auf vier Fragen:

  1. Wo sollen die Lernenden hin?
  2. Warum genau diese Reihenfolge?
  3. Woran erkennt man den Lernfortschritt?
  4. Welche Denkprozesse werden angestoßen?

Sind diese Fragen beantwortet, entstehen gute Unterrichtsstunden deutlich einfacher.

 

Der Tipp für später:

Plane die Reihe – und wirf sie im Durchlaufen zur Hälfte um

Gute Reihenplanung ist kein Bauplan, sondern ein Kompass. Die Kunst ist nicht, den Kurs perfekt zu berechnen, sondern zu wissen, wann man abweichen darf, ohne das Ziel aus den Augen zu verlieren.

 

Quelle(n)

1) Schmohl, Tobias: Situiertes Lernen – In: Schmohl, Tobias [Hrsg.]; Philipp, Thorsten [Hrsg.]; Schabert, Johanna [Mitarb.]: Handbuch Transdisziplinäre Didaktik. Bielefeld : transcript 2021, S. 301-311. DOI: 10.25656/01:27711, https://www.pedocs.de/volltexte/2023/27711/pdf/Schmohl_2023_Situiertes_Lernen.pdf


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